Die Anfänge der Traditionellen Tibetischen Medizin reichen an die 3000 Jahre zurück und sind tief in der schamanischen Heiltradition der präbuddhistischen Religion des Bön verwurzelt. Durch diverse Einflüsse aus China, Indien und Nepal, die mit der Verbreitung des Buddhismus in Tibet einströmten, bildete sich schließlich die Traditionelle Tibetische Medizin als Resultat dieses regen Wissensaustausches. Das riesige Handelsnetz der Seidenstraße, jene antike Verbindung zwischen Asien und Europa, die Menschen, Kulturen und Wissen verband, spielte bei der Entwicklung der tibetischen Medizin ebenso eine Rolle, da durch sie auch Einflüsse der Medizinsysteme, die in der persischen, arabischen und griechischen Welt zu dieser Zeit etabliert worden waren, transportiert wurden.

Obwohl das Heilsystem der Tibetischen Medizin – im Tibetischen „Sowa Rigpa“, als Weisheit des Heilens übersetzt – weniger im Rampenlicht steht als seine Verwandten, etwa die Traditionelle Chinesische Medizin oder das indische Ayurveda (Sanskrit: „Wissen vom Leben“), ist seine Vielfalt und Tradition mindestens genauso wertvoll.

 
 

Der rGyud-bZhi

Die zentralen Schriften der Traditionellen Tibetischen Medizin sind die vier Medizin Tantras, auf Tibetisch „rGyud-bZhi“ – ausgesprochen „Güschi“. Der vollständige Titel dieses Werkes lautet: „bdud-rtsi-snying-po-yan-lag-brgyad-pa-gsang-ba-man-ngang-gi-rgyud“. Auf Deutsch in etwa: „Die geheime mündliche Unterweisung über die acht Zweige der Wissenschaft der Medizin“. Er besteht aus 5900 Versen in 156 Kapitel und beleuchtet alle acht Zweige der Tibetischen Medizin:

1 „lus“:
Der Körper im Allgemeinen (Embryologie, Anatomie, Physiologie, Pathologie und Pharmakologie) 70 Kapitel

2 „byispa“:
Pädiatrie (Kinderheilkunde) 3 Kapitel

3 „man-nad“:
Gynäkologie (Frauenheilkunde) 3 Kapitel

4 „gDon“:
Durch Geister verursachte Krankheiten (= psychologische Einflüsse) 5 Kapitel

5 „mTshon“:
Traumatologie und Verletzungen durch Waffen 5 Kapitel

6 „Dug“:
Toxikologie bzw.“ Die Lehre der Vergiftungen“ 3 Kapitel

7 „rgas“:
Geriatrie (= Verjüngungsmethoden, gegen das Altern) 1 Kapitel

8 „ro-tsa“:
Aphrodisiaka (= Fruchtbarkeit und Reproduktion) 2 Kapitel

 

 

Die 4 Tantras:

1 „rtsa-rGyud“ Das Wurzeltantra (6 Kapitel):
gibt einen Überblick über den gesamten Inhalt des rGyud-bZhi und beinhaltet die Essenz der Tibetischen Medizin.

2 „bshad-rGyud“ Das erklärende Tantra (31 Kapitel):
enthält das theoretische Wissen und die Philosophie der Tibetischen Medizin in genauerer und systematischer Form.

3 „man-ngag rGyud“ Das Tantra der mündlichen Unterweisungen (92 Kapitel):
erklärt die praktische Anwendung der theoretischen Prinzipien für die Behandlung von Krankheiten und enthält eine ausführliche Beschreibung der Krankheiten.

4 „phyima-rGyud“ Das nachfolgende Tantra (27 Kapitel):
erläutert die praktische Anwendung der Diagnose- und Behandlungsmethoden auf kurze und leicht verständliche Weise.

In seiner heutigen Form wurde der rGyud-bZhi von Yuthog Yonton Gonpo dem Jüngeren (1126 – 1202) verfasst. Die erste gedruckte Version, „gra-thang rGyud-bZhi“, wurde 1546 veröffentlicht. Hergestellt im Holzblockdruck.

 

 

Die Theorie der 5 Elemente / Die 3 nyes-pas

Aus Sicht der Tibetischen Medizin besteht das gesamte Universum, jeder Köper und jedes Objekt aus den fünf Elementen: Wasser Erde, Feuer, Luft und Raum. Sie sind die Grundlage des Mikro- und Makrokosmos. Der Körper, die Krankheiten und die Medizin sind aus diesen fünf Elementen zusammengesetzt.

Im menschlichen Körper manifestieren sich diese Elemente in den drei lebenserhaltenden Prinzipien, den 3 nyes-pas: rLung, mKhris-pa und bad-kan, rLung ist das Element Luft zugeordnet, mKhris-pa das Element Feuer und bad-kan die Elemente Erde und Wasser. Das fünfte Element Raum ist überall vorhanden.

Die fünf Elemente spielen eine wichtige Rolle in der Embryologie bzw. in der Entwicklung der Körperteile: Erde = Grundlage, Festigkeit (wie z.B. Knochen), Wasser = Verbindung, Flüssigkeit (z.B. Blut), Feuer = Reifung, Wärme (wie z.B. Verdauungshitze), Raum = Wachstum und Entwicklung.

Ist das Gleichgewicht der Elemente gestört, erkranken wir. Die Lehre der fünf Elemente bildet daher die Basis der Traditionellen Tibetischen Medizin.

Im Sterbeprozess verlieren die fünf Elemente ihre Kräfte und verschwinden allmählich.

 

 

Die Diagnosemethoden in der TTM

Die Diagnosemethoden der Traditionellen Tibetischen Medizin werden in drei Gruppen eingeteilt:

1 Diagnose durch Betrachtung
Hier werden die Bewegung, die Form, die Größe des Körpers beobachtet. Dem Zustand der Zunge wird besonderes Augenmerk geschenkt: Farbe, Belag, Beweglichkeit, etc. Die Urinuntersuchung ist eine der wichtigsten Diagnosemethoden in der tibetischen Medizin. Der Urin reflektiert wie ein Spiegel die Merkmale von Störungen. Ein erfahrener Amchi (tibetischer Arzt) kann damit fast alle Krankheiten erkennen.

2 Diagnose durch Berührung

Das gründliche Studium der Pulsdiagnostik nimmt in der Praxis der Tibetischen Medizin einen hohen Stellenwert ein. Der Puls gibt Auskunft über die Lebensspanne und die körperliche Verfassung des Menschen.

3 Diagnose durch Befragung

Die Befragung durch den tibetischen Amchi ergänzt die beiden ersten Diagnosemethoden. Wichtig sind Fragen nach ursächlichen Faktoren, Ernährung, Verhalten, Symptome, etc.

 

 

Die Behandlungsmethoden in der TTM

1 Ernährung
Art der Nahrung, Verträglichkeit der Nahrung, richtiges Maß bei der Nahrungsaufnahme/ausgewogene Ernährung;

2 Verhalten

Allgemeines Verhalten, jahreszeitlich bedingtes Verhalten;

3 Medizin

Befriedende Medizin, ausleitende Medizin;

4 Zusätzliche Therapien

Sanfte/behutsame Therapien: Umschläge, Bäder, Massage, Schröpfen.

Drastische Therapien: Aderlass, Moxibustion, goldene Nadeltherapie.

In der Traditionellen Tibetischen Medizin wird der Vorbeugung von Krankheiten größte Aufmerksamkeit geschenkt. Eine ungesunde Ernährungsweise, falsche Lebensgewohnheiten, ungünstige Klimabedingungen oder negative Einflüsse von „Geistern“ (= psychologische Einflüsse) können das gesamte physiologische Wohlbefinden aus dem Gleichgewicht bringen.

Wenn die beiden ersten Behandlungsmethoden, Ernährung und Verhalten, die gewünschten positiven Ergebnisse nicht erfüllen können, werden Medikamente verabreicht. Hier kommen dann verschiedene Verabreichungsarten zum Einsatz: Pulver, Dekokte, Pillen, Säfte, medizinische Butter und medizinischer Wein. Begonnen wird mit milden Mitteln und steigert bei Bedarf auf immer stärkere. Als weitere therapeutische Maßnahmen sind dann sanfte/behutsame und drastische Therapien vorgesehen. Erst als letzte Möglichkeit werden chirurgische Methoden angewendet.

 

 

Die heilende Kraft des Medizinbuddha

Der Medizinbuddha, König des Lapislazuli Lichtes, hat als Meditationsgottheit besondere heilende und reinigende Kräfte. Seine Funktion ist es, die fühlenden Wesen von den drei Geistesgiften (dug-gsum) zu befreien und heilen, die aus Sicht des Tibetischen Buddhismus und der Traditionellen Tibetischen Medizin die Grundursachen für alle Krankheiten darstellen. Die drei Geistesgifte sind: `dod.chags = Begierde, zhe-sdang = Hass und gti-mug = Verblendung.

Die Heilkraft des Medizinbuddhas ist in der buddhistischen Tradition und dem traditionellen Heilwissen der TTM seit Jahrhunderten bekannt und wird von Amchis (traditionellen Ärzten) angewendet. Indem wir uns mit dem Medizinbuddha verbinden, können auch wir seine heilenden Energien in uns aufnehmen und unser inneres Potenzial für Gesundheit und Erleuchtung entfalten.